Dieser Artikel ist die ausführliche Fassung des Hinweises zum Update. Er beschreibt alle Änderungen am Qualitätsradar und am Bewertungschart vollständig — mit allen Kriterien, Gewichtungen, Schwellenwerten und sektorspezifischen Anpassungen. Der Qualitätsradar wurde von Grund auf neu gedacht; parallel dazu wurden auch die Bewertungswerkzeuge erweitert. Was sich verändert hat — und warum — erklärt dieser Artikel im Detail.
Viele Anleger verlassen sich auf eine einzelne Kennzahl als Orientierung – sei es das KGV, der ROIC oder die EBIT-Marge. Das Problem: Keine dieser Zahlen erzählt die ganze Geschichte.
Nehmen wir ROIC als Beispiel. Ein Unternehmen mit 25 % Kapitalrendite klingt exzellent – aber wenn gleichzeitig die Nettoschulden das Achtfache des EBITDA betragen, das Umsatzwachstum negativ ist und der Cashflow kaum die Zinslast deckt, sieht das Bild ganz anders aus. Andersherum: Ein Industriekonzern mit „nur" 9 % ROIC, sinkenden Schulden, steigenden Margen und solider Dividende kann fundamental deutlich attraktiver sein.
Der Qualitätsradar löst dieses Problem, indem er 7 unabhängige Dimensionen zu zwei Scores zusammenführt: dem Qualitätsscore (6 Qualitätsaspekte) und dem Bewertungsscore (Bewertungssegment) — beide auf einer einheitlichen 0–100-Skala. Jedes Segment bewertet einen Aspekt auf einer kontinuierlichen Skala von 0–100 Punkten. Das Polar-Diagramm macht sofort sichtbar, wo die Stärken und Schwächen eines Unternehmens liegen.
Das Vorgängermodell enthielt als Qualitätsbaustein den Piotroski F-Score – ein Scoring-System, das der Buchhalter Joseph Piotroski im Jahr 2000 entwickelte. Seine Grundidee war gut: neun buchhalterische Signale kombinieren, um Value-Aktien mit solider Fundamentalqualität von solchen mit Scheingewinnen zu trennen. In der Praxis stößt dieses Modell jedoch an strukturelle Grenzen:
| Problem | Erklärung |
|---|---|
| Value-Bias | Piotroski entwickelte den Score explizit für Value-Aktien mit hohem Buchwert-zu-Kurs-Verhältnis. Für Wachstums- oder Technologieunternehmen ist er konzeptionell falsch kalibriert. |
| Binäre Logik | Jedes Kriterium liefert entweder 0 oder 1 Punkt – kein Unterschied, ob ROIC 5 % oder 35 %. Nuancen gehen vollständig verloren; Extremwerte haben keinen Einfluss. |
| Veraltete Datenbasis | Die empirische Grundlage basiert auf US-Compustat-Daten von 1976–1996. Das Marktumfeld, die Bilanzierungsstandards (IFRS vs. US-GAAP) und die Branchenstruktur haben sich seither fundamental verändert. |
| Redundanz | Einige Kriterien messen ähnliche Sachverhalte (z. B. Current Ratio und Veränderung des Working Capital), ohne echten analytischen Mehrwert zu liefern. |
| Keine Sektoranpassung | Eine Bank würde bei Piotroski stets schlecht abschneiden – dabei sind ihre „Schulden" Einlagen, kein Risikosignal. Versicherungen, REITs und Rohstoffunternehmen passen schlicht nicht ins Schema. |
| Keine Bewertung | Ein fundamental starkes Unternehmen, das 200 % überbewertet ist, erhält denselben Piotroski-Score wie ein fair bewertetes. Der Preis, den man zahlt, bleibt unsichtbar. |
Kurz: Der Piotroski F-Score war für eine andere Ära, einen anderen Fokus und andere Datenverhältnisse gemacht. Für ein branchenübergreifendes, modernes Bewertungs- und Qualitätssystem taugt er nicht.
Der Piotroski F-Score und die frühere Einzelkennzahl-Struktur werden durch sechs Aspekte ersetzt, von denen jeder mehrere Kriterien zu einem gewichteten Score bündelt. Jeder ergibt einen kontinuierlichen Score von 0–100 Punkten — keine binären Signale mehr. Die Gesamtgewichtung der Aspekte variiert je nach Sektor und Wachstumsphase.
| Aspekt | Standard | Wachstumsphase | REIT | Finanzen |
|---|---|---|---|---|
| Burggraben | 25 % | 10 % | 10 % | 20 % |
| Kapitalrendite | 20 % | 5 % | 20 % | 30 % |
| Margenqualität | 20 % | 20 % | 15 % | 15 % |
| Schuldentragfähigkeit | 20 % | 25 % | 25 % | 25 % |
| Umsatzwachstum | 10 % | 40 % | 5 % | 5 % |
| Aktionärsrendite | 5 % | — | 25 % | 5 % |
Misst die operative Profitabilität in zwei Dimensionen — wie hoch die Marge ist und ob sie sich verbessert:
Ersetzt das frühere Einzelmaß „Nettoverschuldung" durch vier komplementäre Kriterien, die Tilgungskraft, Zinsbelastung und Kapitalstruktur gemeinsam abbilden:
Bei negativem Eigenkapital wird automatisch auf ND/Bilanzsumme umgestellt. Für Finanzwerte greift ein eigenes Modell auf Basis der Eigenkapitalquote (Niveau und Trend), da Fremdkapital dort das Rohmaterial des Geschäftsmodells ist.
Misst, ob ein Unternehmen seinen Kapitalgebern mehr zurückgibt als es kostet — die eigentliche Frage hinter dem Begriff „Wertschöpfung":
Für Banken wird ROE verwendet (Eigenkapital ist die relevante Bezugsgröße), für REITs ROA auf Basis der Owner Earnings — da ROIC bei diesen Geschäftsmodellen konzeptionell nicht anwendbar ist.
Kombiniert Zukunftsorientierung mit historischer Bestätigung:
Strukturell stagnierende Sektoren erhalten angepasste Schwellen: Telekommunikation und Rohstoffe bereits ab 3 % auf 50 Punkte, Tabak ab 0 % auf 45 Punkte — Stagnation ist dort eine relative Stärke.
Im Jahres-Slider (historische Ansicht) sind keine Analystenschätzungen verfügbar. Das Segment basiert dort ausschließlich auf dem tatsächlichen 7J-CAGR des jeweiligen Jahres (100 % Gewicht) — die Forward-Prognose entfällt.
Piotroski bewertet Kapitalrückgaben rudimentär: ein Punkt für Nicht-Verwässerung. Das neue Segment fasst alle Formen der Kapitalrückgabe zu einer einzigen Maßzahl zusammen, gewichtet nach Sektor:
Neuer Aspekt. Misst, ob ein Unternehmen seinen Wettbewerbsvorteil über mehrere Jahre aufrechterhalten kann — nicht nur ob er aktuell vorhanden ist:
Der Burggraben-Aspekt ist damit die einzige Kennzahl, die explizit die Beständigkeit von Wettbewerbsvorteilen misst — nicht nur deren aktuelles Niveau.
Der alte Überblick-Chart enthielt zwar bereits ein Bewertungssegment, aber keinen separat ausgewiesenen Score dafür. Die zugrundeliegende Logik war eine Mischbewertung (67 % Referenz / 33 % historisch) — jedoch nicht überprüfbar, da diese Darstellung im Bewertungschart nicht anwählbar war und damit als Black Box fungierte. Im neuen System ist die Faire Bewertung direkt auswählbar, die Gewichtung dokumentiert (60/40) und der daraus abgeleitete Bewertungsscore auf derselben 0–100-Skala wie die Qualitätsaspekte ausgewiesen.
Grundlage ist ein faires KGV, das zwei Dimensionen kombiniert. Die unten genannten Zeiträume (8 bzw. 7 Jahre) gelten für die automatische Berechnung des Bewertungsscores — im Bewertungschart kann der Zeitraum frei gewählt werden, Referenz- und historisches KGV passen sich dann entsprechend an.
Ein Score von 75 Punkten entspricht exakt der fairen Bewertung. Erst bei einer Unterbewertung von 25 % und mehr wird das Maximum von 100 Punkten erreicht. Das Modell erkennt damit an, dass ein fair bewertetes, qualitativ starkes Unternehmen bereits eine gute Anlage sein kann – ein maximaler Score sollte nicht Bedingung für einen Kauf sein.
Ein häufiger Kritikpunkt an Score-Systemen lautet: die „Black Box". Man sieht das Ergebnis, aber nicht, wie es zustande kommt. Der Qualitätsradar löst dieses Problem mit Sankey-Charts – einem Flussdiagramm-Format, das für jedes der sieben Segmente die Score-Zusammensetzung transparent visualisiert.
Die Pfeilbreite entspricht dem gewichteten Beitrag zur Gesamtpunktzahl. Ein dünner, roter Pfeil für die Zinsdeckung macht sofort sichtbar, dass genau dort das Problem liegt – ohne dass man sich durch Tabellen arbeiten müsste. Ein grauer Teilbalken zeigt an, dass für diese Komponente keine ausreichenden Daten vorliegen.
Für jedes der sieben Segmente gibt es einen eigenen Sankey. Die Charts aktualisieren sich beim Betätigen des Jahres-Sliders automatisch – man sieht also nicht nur den aktuellen Score, sondern kann die Score-Zusammensetzung für jedes historische Jahr inspizieren.
Statische Kennzahlen zeigen nur einen Moment. Der Qualitätsradar erlaubt es, mit einem einfachen Jahres-Slider in die Geschichte eines Unternehmens zurückzublättern – bis ins Jahr 1995, sofern Bilanzdaten vorliegen.
Damit lassen sich Fragen beantworten wie:
Alle sieben Segmente — einschließlich des Aktionärsrendite-Segments — werden beim Zurückblättern vollständig aus den jeweiligen historischen Daten neu berechnet.
Viele Analyse-Systeme passen lediglich Schwellenwerte je nach Branche an – etwa, dass für Banken ein höherer Verschuldungsgrad toleriert wird. Das reicht nicht aus. Bei einigen Sektoren ist nicht nur der Maßstab anders, sondern die zugrundeliegende Metrik selbst muss ausgetauscht werden.
ROIC (Return on Invested Capital) ist die sinnvollste Kapitalrendite-Kennzahl für die meisten Unternehmen. Bei Banken und Finanzwerten ist er jedoch konzeptionell falsch: Fremdkapital ist dort kein Risiko, sondern das Rohmaterial des Geschäftsmodells – Einlagen sind Verbindlichkeiten, aber kein Warnsignal. Hier wird stattdessen der ROE (Return on Equity) verwendet.
Bei REITs entsteht ein anderes Problem: jahrzehntelange Abschreibungen auf Immobilien verzerren das Buchkapital erheblich, wodurch ein ROIC-Vergleich zu falschen Schlüssen führt. Das System nutzt daher den ROA (Owner Earnings / Bilanzsumme), der gegenüber dieser Verzerrung robuster ist.
ND/EBITDA bis 4× gilt als gut – im Standard. Für eine Airline mit strukturell hohen Leasingverbindlichkeiten für ihre Flotte wäre dieselbe Schwelle absurd restriktiv: Airlines werden bis 14× bewertet, Versorger bis 12×, REITs bis 7×. Umgekehrt gilt für Tabakkonzerne und Rohstoffunternehmen eine strengere Schwelle von 2×, da hohe Schulden in Abschwungphasen dort existenzbedrohend werden können.
5 % Umsatzwachstum entspricht im Standard dem Mittelpunkt von 50 Punkten. Für einen Tabakkonzern, dessen Absatzvolumen strukturell sinkt, wäre dieser Maßstab unfair: Schon 0 % Wachstum ergibt hier 45 Punkte – Stagnation ist in dieser Branche eine relative Stärke. Rohstoffe und Telekommunikation liegen bei 3 % als Mittelpunkt, da Preiszyklen und regulierte Netzinfrastruktur organisches Wachstum strukturell begrenzen.
| Sektor | Kapitalrendite | ND/EBITDA-Toleranz | Wachstumsmitte |
|---|---|---|---|
| Standard | ROIC | 4× | 5 % = 50 Pkt. |
| Finanzwerte | ROE | EK-Quote statt ND | 5 % |
| REITs | ROA | 7× | 2 % |
| Versorger | ROIC | 12× | 5 % |
| Airlines | ROIC | 14× | 5 % |
| Rohstoffe | ROIC | 2× | 3 % |
| Telekommunikation | ROIC | 8× | 3 % |
| Tabak | ROIC | 2× | 0 % ≙ 45 Pkt. |
Detaillierte Informationen zu Sektor-Gewichten, Metrikanpassungen und Schwellenwerten finden sich in der Anleitung zum Qualitätsradar.
Parallel zum Qualitätsradar wurden auch die Analyse-Werkzeuge auf der Bewertungsseite grundlegend erweitert. Die wichtigsten Neuerungen im Überblick.
Statt nur eines historischen Referenzwerts kombiniert die Faire Bewertung zwei Quellen zu einem robusten Maßstab. Der Nutzer wählt den Zeitraum im Chart frei — Referenz- und historisches KGV passen sich automatisch an das Gewinnwachstum im gewählten Zeitfenster an:
Beide Werte werden gewichtet gemischt und ergeben das faire KGV, das als eigene Sankey-Karte im Chart sichtbar ist und auf Knopfdruck erklärt wird.
Neben den traditionellen kursbasierten Bewertungen (KGV, KUV, KCF, KBV) stehen nun vier Enterprise-Value-Metriken zur Verfügung:
| Metrik | Empfohlen für |
|---|---|
| EV/EBITDA | Kapitalintensive Sektoren, Reifebranchen (Medianwert ca. 10–12×) |
| EV/EBIT | Unternehmen mit hohen Abschreibungen (z. B. Industrie, Versorger) |
| EV/FCF | Cashflow-intensive Geschäftsmodelle, Konglomerate |
| EV/Umsatz | Negative-EPS- und Hochskalierungsunternehmen, Wachstumsphase |
EV-Metriken berücksichtigen die Kapitalstruktur (Schulden und Kasse) und eignen sich besonders für Vergleiche zwischen Unternehmen mit unterschiedlicher Finanzierungsstruktur. Sie bilden eine eigene Dropdown-Gruppe und werden mit sektorspezifischen Medianwerten als Referenz bewertet.
Das System wählt automatisch die am besten geeignete Bewertungsmetrik für das konkrete Unternehmen und markiert sie im Dropdown mit einem grünen „Empfohlen"-Badge. Die Empfehlung folgt festen Regeln:
Direkt über dem Kurschart wird nun die 200-Tage-Linie (SMA200) als separater Infokasten angezeigt. Er zeigt:
Die 200-Tage-Linie ist kein Qualitätsmerkmal des Unternehmens, sondern ein technischer Trendindikator. Durch die direkte Einbindung in die Bewertungsseite lässt sich auf einen Blick beurteilen, ob der aktuelle Kurs fundamental und technisch im grünen Bereich liegt.
Durch Klick auf zwei beliebige Punkte im Kurschart lässt sich die Rendite zwischen diesen Punkten exakt messen. Angezeigt werden:
Das Werkzeug eignet sich für den schnellen Rendite-Check historischer Einstiegszeitpunkte — etwa um zu bewerten, ob ein Kauf bei einem bestimmten KGV-Niveau langfristig zu einer guten Rendite geführt hätte. Hinweis: Der Chart stellt Monatsschlusskurse dar; die Renditemessung erfolgt daher auf Basis dieser Stützpunkte und nicht auf Basis von Tages- oder Intraday-Kursen.
Auch die Portfolio-Bewertungsmatrix wurde an die neue Systematik angepasst. Sie stellt Bewertung (horizontale Achse) und Qualität (vertikale Achse) für alle Positionen eines Portfolios gleichzeitig dar — als Streudiagramm (die sogenannte Bewertungsmatrix), das auf einen Blick zeigt, wo günstig bewertete Qualitätsunternehmen stehen und wo Titel überbewertet oder qualitativ schwach sind.
Die wichtigste Änderung: Die vertikale Achse korrespondiert nun direkt mit dem Qualitätsscore aus dem Qualitätsradar. Früher wurde Qualität relativ zu den anderen Portfoliotiteln eingeordnet (sektorrelative Quartile), wobei die Berechnung intransparent blieb; jetzt ist der absolute Qualitätsscore — zusammengesetzt aus sechs Aspekten mit je mehreren Einzelkriterien — die Grundlage — nachvollziehbar über die Sankey-Diagramme des Qualitätsradars. Das macht die Matrix konsistent mit der Einzelanalyse — ein Unternehmen steht in der Matrix dort, wo es auch im Qualitätsradar steht.
Neu ist außerdem die Möglichkeit, monatsweise in die Vergangenheit zu scrollen. So lässt sich nachverfolgen, wie sich Bewertung und Qualität der enthaltenen Titel über die Zeit entwickelt haben — ob ein Portfoliotitel fundamental stärker oder schwächer geworden ist und ob er günstiger oder teurer wurde.
Mit der neuen Seite „Institutionelle Investoren" kommt eine weitere Analysedimension hinzu, die bislang nicht verfügbar war: das Verhalten großer professioneller Anleger — dokumentiert über die verpflichtenden US-13F-Filings, die US-Institutionen mit mehr als 100 Mio. USD Anlagevolumen quartalsweise einreichen müssen.
Die fundamentale Analyse über Qualitätsradar und Bewertungschart beantwortet die Frage: Ist dieses Unternehmen ein gutes Investment? Die institutionellen Daten ergänzen eine zweite Perspektive: Was denken professionelle Anleger mit Milliarden an verwaltetem Kapital über dieses Unternehmen?
Eine eigene Anleitung zur Seite ist in Vorbereitung.
Die Neuerungen greifen ineinander und ergänzen sich zu einem kohärenten Gesamtsystem:
Das Ergebnis ist eine Analyseplattform, die Fundamentalqualität, Kursbewertung und professionelles Investorenverhalten in einem konsistenten Framework zusammenbringt — mit vollständiger Transparenz über Sankey-Diagramme und historischer Tiefe über den Jahres-Slider.